Tigerli on the road: Eine Dampflok auf Abwegen
SPEZIALTRANSPORT Wenn in Stadskanaal, einer Gemeinde im Norden der Niederlande, ein Tigerli um die Ecke kommt, ist dieses nicht etwa einem Zoo oder Zirkus entlaufen, sondern es handelt sich um eine in der Schweiz gebaute Dampflokomotive, die sich für den Strassenweg entschieden hat.

In der Schweiz tragen zahlreiche Lokomotiven Namen oder Übernamen, die meist mit dem Aussehen, den Laufeigenschaften, den Fahr- oder Bremsgeräuschen zu tun haben. Bekanntestes Beispiel ist das «Krokodil», eine Elektrolokomotive vom Typ Be 6/8, die vor allem im Güterzugverkehr am Gotthard eingesetzt wurde. Das «Tigerli» wiederum ist eine 3-Achs-Dampflokomotive, die von 1896 bis 1915 von der SLM Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur hergestellt wurde. Insgesamt baute man von der E 3/3, so die Bezeichnung der Lok, 118 Exemplare. Wie die kleine Lokomotive zu ihrem Übernamen kam, ist in diesem Fall nicht bekannt, könnte jedoch mit dem Aussehen zu tun haben. Nach dem 2. Weltkrieg kamen zwei Tigerli auch in die Niederlande, wo sie für Rangieraufgaben im Hafen von Rotterdam eingesetzt wurden. Auch einige Nutzfahrzeugmarken hatten Tiernamen als Übernamen. So produzierte OM die Typen Leoncino (kleiner Löwe) oder Tigrotto (Tigerli), Krupp hatte ebenfalls einen Tiger und sogar einen Mustang im Programm, bei Mercedes und Fiat gab es die Tausendfüssler, Fahrzeuge mit zwei vorderen Lenkachsen. Den Kühlergrill von Büssing wiederum zierte der Löwe von Braunschweig (heute im MAN-Logo integriert).

Transporteure Europas
Die Niederländer sind noch immer die Strassentransporteure Europas. Sie suchen nicht nach Lösungen, sondern bieten Lösungen auf Mass. Beinahe kein Gut ist zu hoch, zu schwer oder zu breit für den Strassentransport. Schon früh wurden in den Niederlanden Roadtrains mit einer Länge von 25,25 m und 60 t Gesamtgewicht eingesetzt. Im flachen Land ohne nennenswerte Steigungen kein Problem und auch kein Hindernis. Ein riesiger Milchtank, ein breiter Transformator oder eben eine Lokomotive – man geht pragmatisch an die Sache heran und liefert.

Eine Lokomotive auf Abwegen
Eisenbahnmaterial aus früheren Tagen wird oft von Vereinen und Stiftungen unterhalten und restauriert, die meist auch Museumsbahnen betreiben. Etwa die Dampftram Hoorn-Medemblik, die Museumsbahn Haaksbergen-Boekelo, oder die Stiftung STAR, die zwischen Stadskanaal und Veendam eine Bahnlinie unterhält und mit verschiedenen Dampf- und Dieselloks regelmässig Fahrten durchführt. Einige Museumslinien stellen befreundeten Vereinen auch immer wieder Rollmaterial zur Verfügung, damit Sonderfahrten abwechslungsreicher gestaltet werden können. Deshalb kam auch das Tigerli von der Museumsbahn Haaksbergen-Boekelo für zwei Tage ins 110 Kilometer entfernte Stadskanaal. Da die Tigerlis für Rangieraufgaben und für Einsätze auf Nebenbahnen konzipiert wurden, können sie mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h nicht in heutige Fahrpläne eingebunden werden. Deshalb blieb nur der Transport auf der Strasse, damit die Gastlok aus Haaksbergen pünktlich in Stadskanaal wieder auf die Schiene gesetzt werden konnte.
Da kommt eine Dampflok namens Tigerli daher
Durchgeführt wurde dieser Transport des 25 t schweren Tigerlis vom Transportbedrijf G.L. de Haan BV aus Nijkerk, einem seit über 40 Jahren bestehenden Familienunternehmen, das sich unter anderem mit dem Transport von Schieneninfrastruktur befasst. Weitere Spezialitäten sind Transporte von Stahl- und Holzkonstruktionen, etwa Brückenelementen, oder von übergrossen Maschinen für die Schifffahrt. Die Flotte besteht aus 34 eigenen Zugmaschinen, darunter 21 Scania. 50 Trailer für Spezial- und Schwertransporte und für Schwerlasten geeignete Hydraulikkräne stehen ebenfalls zur Verfügung. Das Unternehmen mit seinem modernen und vielseitigen Fuhrpark hat seine Ursprünge eigentlich im Brennstoffhandel, als der Vater von Graddus de Haan, dem heutigen Firmenchef, Amsterdam mit Kohlen und Heizöl belieferte.

Die Zusammenarbeit mit dem Einsatzleiter Jan Versteeg und Fahrer Henk van Dasselaar war unkompliziert, ja beinahe kollegial. Vor der Abfahrt in Haaksbergen wurde die Route durchgegeben, sodass geeignete Fotomomente eingeplant werden konnten. Und dann war es soweit: Von staunenden Kindern begrüsst, kurvte der 600-PS-Scania mit Schwerlastauflieger um die Ecke und erreichte nach nicht einmal eineinhalb Fahrstunden das Ziel, den Bahnhof von Stadskanaal. Und das alles ohne Vor- oder Nachhut, denn in den Niederlanden benötigen Schwertransporte bis 27 m Länge, 3,50 m Breite und 4,25 m Höhe keine Begleitfahrzeuge und auch keine Polizei.

Millimeterarbeit
Anschliessend positionierte Fahrer Henk den Auflieger millimetergenau rückwärts über ein Anschlussgleis. Gekonnt eingewiesen wurde er von STAR-Mitarbeiter John Moesker und einigen Freiwilligen, weshalb dieser Vorgang nur wenig Zeit beanspruchte. Die Zugmaschine wurde abgekoppelt, der Schwanenhals des Aufliegers entfernt und eine Schienenverbindung zwischen Auflieger und Bahnhofsgleis hergestellt. Mit einer kleinen Diesellok und einem Zwischenwagen wurde das Tigerli vom Auflieger auf das Gleis gebracht. Bereits am nächsten Tag machte die kleine Lok zusammen mit anderen Lokomotiven am zweitägigen Festival «Stadskanaal onder Stoom» auf der Museumslinie mächtig Dampf. Die STAR hat auch einige einsatzfähige Personen- und Güterwagen, drei eigene Bahnhöfe und ein Museum. Zahlreiche Vereine und Organisationen erfüllen auch soziale Aufgaben und bieten für wenig Geld Freizeitvergnügen für die ganze Familie. So auch in Stadskanaal, wo man mit einer Tageskarte einen Tag lang in den verschiedenen Zügen Nostalgie pur erleben konnte. Auch in diesem Jahr findet das Dampffestival am 19. und 20. September statt. Nachdem sein Kessel erkaltet war, kehrte auch das Tigerli wieder unversehrt nach Haaksbergen zurück. Fahrer Henk war mit seinem Scania samt Tieflader wieder rechtzeitig zur Stelle, erneut ohne Polizeischutz und Begleitfahrzeuge.
