Industrielle Antworten auf eine komplexe Realität

ITALIENISCHE TRANSPORTMESSE Mailand stand vom 13. bis 16. Mai 2026 ganz im Zeichen des technologischen Fortschritts für saubere Transportlösungen. Doch hinter dem Glanz der Innovationen kämpfen Italiens Transport- und Logistikunternehmen mit immensem Kostendruck und Marktunsicherheiten.

Der eTGM war die einzige Weltpremiere. Er schliesst die Lücke im MAN-Programm zwischen dem eTGL und dem eTGS.

Der glanzvolle Schein der Transpotec Logitec 2026, der italienischen Leitmesse für Transport und Logistik, konnte nicht über die harte Realität hinwegtäuschen: Italiens Fernverkehrs- und Verteilerunternehmen stehen unter massivem Kostendruck und ringen darum, mit dem rasanten Innovationstempo Schritt zu halten. Zum zweiten Mal in Folge vereinten die Veranstalter alle acht führenden Nutzfahrzeugmarken in Mailand – ein Erfolg für die oft unter Absenzen leidende Ausstellung. Das Aufgebot der leichten Nutzfahrzeuge war unvollständig: Ford Pro verzichtete kurzfristig auf die Teilnahme mit der wohl wichtigsten Messepremiere, dem vollelektrischen Transit City. Auch Mercedes-Benz Vans, Renault und Toyota fehlten. Diese Lücken kompensierten Lkw-Hersteller mit eigenen Transporterpaletten – namentlich Iveco, MAN und Renault Trucks. Bei den chinesischen Marken wurde Maxus durch Dongfeng ersetzt, während Volkswagen und Piaggio über lokale Händler vertreten waren.

Iveco feierte die langjährige Partnerschaft mit der Giro d'Italia und präsentierte S-Way und S-eWay im rosa Renntrimm.
Iveco feierte die langjährige Partnerschaft mit der Giro d’Italia und präsentierte S-Way und S-eWay im rosa Renntrimm.

Das Angebot und die Nachfrage

Die Exponate repräsentierten den neuesten Stand der Technik, doch italienische Logistikunternehmen müssen anders kalkulieren. Das Durchschnittsalter der Nutzfahrzeuge über 3,5 t liegt in Italien bei stolzen 14 Jahren. Dieser Wert verbessert sich kaum, obwohl die Branche durch Fusionen und Übernahmen konsolidiert. Das Resultat dieser Marktverschiebung ist extrem: Lediglich ein Prozent der Unternehmen verwaltet heute ein Drittel des Fahrzeugbestands – und zwar die neuesten Fahrzeuge mit den grössten Jahresdistanzen – und erwirtschaftet ein Drittel des Gesamtumsatzes. Demgegenüber stehen 70 Prozent Marktteilnehmer, die als Klein- oder Einzelunternehmen agieren. Selbst Branchenriesen sind von Unsicherheit geplagt. Bei der Beschaffung neuer Lkw wählen sie fast ausschliesslich vielseitige Standardversionen, da sich Verträge jederzeit ändern können. Man investiert lieber in weniger spezialisierte, flexibler einsetzbare – wenn auch weniger rentable – Fahrzeuge.

Für E-Fahrzeuge bleibt im schweren Segment kaum Raum. Selbst LNG-Antriebe sorgen wegen massiver Energiepreisschwankungen für Verunsicherung. Der Markt erholte sich 2025 zwar leicht auf fast 26 000 verkaufte Einheiten über 3,5 t, doch davon waren über 97 Prozent Diesel und lediglich 0,8 Prozent elektrisch. Zum Vergleich: In der Schweiz lag der Anteil neuer batterieelektrischer Lkw 2025 bei 22 Prozent. Bei den leichten Nutzfahrzeugen (LCV) scheint das Potenzial für E-Antriebe vorerst ausgeschöpft; die Kurve stagniert nach ersten Käufen durch E-Commerce-Flotten bei rund drei Prozent Marktanteil.

Der Prototyp F-Max H-Dual läuft sowohl mit HVO und Wasserstoff als auch mit HVO und Hydrobiomethan-Blends.
Der Prototyp F-Max H-Dual läuft sowohl mit HVO und Wasserstoff als auch mit HVO und Hydrobiomethan-Blends.

Die gezeigten Lastwagen an der Transpotec Logitec 2026

In einer reinen Diesel- und HVO-Halle – die batterieelektrischen Versionen standen im Freigelände – präsentierte DAF Fahrzeuge für unterschiedliche Bedürfnisse: den XG+ 530 der Sonderserie Emerald für kleinere Unternehmer und den XD 45° als hochspezialisierten Autotransporter. Ford Trucks rückte neben der zweiten Generation seines Flaggschiffs F-Max Nischenanwendungen auf Basis der F-Line in den Vordergrund. Dazu gehörten eine E-Variante für den Lokalverteilerverkehr sowie das Vierachs-Fahrgestell 4145 D 8×4, das auf italienische Gewichtsvorschriften für Baustellenfahrzeuge mit 40 Tonnen Gesamtgewicht abgestimmt ist und 450 PS leistet.

Im Freigelände zeigte ein modifizierter F-Max-Sechszylindermotor mit 13 Litern Hubraum, dass er mit einer Mischung aus 30 Prozent HVO und Wasserstoff sowie HVO-Hydrobiomethan betrieben werden kann. Iveco hält an seinem Multi-Energy-Ansatz fest und zeigte das S-Way-Modell mit CNG- und Bio-CNG-Antrieb. Flankiert wurde es von der neuen Sattelzugmaschine S-eWay mit aerodynamischer Frontpartie, neuen 603-kW-Batterien und 600 km Reichweite. Beide Fahrzeuge präsentierten sich im rosa Gewand des Giro d’Italia. MAN treibt die Komplettierung des E-Portfolios zügig voran: Der eTGM ergänzt nun den mittelschweren eTGL, den schweren Allrounder eTGS und den eTGX für den Fernverkehr.

Daimler Trucks glänzte mit einer breiten Auswahl an Diesel- und Elektro-Modellen des Actros L, während Renault Trucks die schwere E-Tech T 780 Sattelzugmaschine ausstellte, die erstmals vergangenen November auf der Solutrans in Lyon (F) zu sehen war. Bestückt mit acht Batteriepaketen für eine Gesamtkapazität von 780 kWh, realisiert diese Kombination ein Gesamtzuggewicht von 46 t und eine Reichweite von 660 km. Scania zeigte eine Konzept-Sattelzugmaschine auf Basis des 40 R mit Brennstoffzelle, während Volvo Trucks prominent den FH Aero Wonder Fuel mit optimierter Aerodynamik präsentierte.

Sowohl der Pick-up Z9 von Dongfeng, als auch der 3,5-t-Transporter Captain verfügen über Dieselmotoren von Renault.
Sowohl der Pick-up Z9 von Dongfeng, als auch der 3,5-t-Transporter Captain verfügen über Dieselmotoren von Renault.

Die gezeigten Transporter

Obwohl unvollständig, präsentierte sich dieses Segment äusserst lebhaft, angeführt von chinesischen Konzernen. Dongfeng untermauerte seine europäischen Ambitionen mit einem grossen Stand. Besonders im Fokus standen der Midsize-Pickup Z9 – ein technischer Zwilling des Nissan Navara – sowie der grosse Transporter Captain. Dieser ist von 8 bis 13,8 m³ Ladevolumen verfügbar; elektrische Versionen mit Range Extender folgen.

Kia zeigte in Mailand massgeschneiderte Aufbauten seiner neuen PV5-Plattform, darunter ein Fahrgestell mit Kiosk-Aufbau. Weitere LCV-Modelle wie der MAN TGE und Renault Trucks Master wurden ebenfalls präsentiert. Stellantis Pro One konkretisierte die Zukunft des elektrischen Dreirads Fiat Tris: Das Gefährt mit 85 km Reichweite kommt in Italien regulär mit verschiedenen Aufbauten in den Handel.

Über 1000 kg Nutzlast auf weniger als 7 m²: Der elektrische Piaggio Porter NPE als 60-kW-Alternative zu Cargo-Bikes.
Über 1000 kg Nutzlast auf weniger als 7 m²: Der elektrische Piaggio Porter NPE als 60-kW-Alternative zu Cargo-Bikes.

Das Angebot an der Transpotec Logitec 2026 wurde durch lokale Spezialisten wie Piaggio ergänzt, die mit dem Porter NPE eine elektrische Lösung für die letzte Meile zeigten, die trotz kompakter Abmessungen eine beachtliche Nutzlast bietet.

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