Wo die MAN-Geschichte am Leben gehalten wird
GESCHICHTE Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen von MAN Truck & Bus in München-Karlsfeld offenbart technische Meilensteine aus über 100 Jahren. Eindrücke aus der Oldtimer-Remise und dem historischen Archiv.

Unweit des Münchner Werksgeländes beherbergt eine unscheinbare Halle in Karlsfeld rund 30 historische Fahrzeuge. Die Remise ist der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich; die Exponate werden abwechselnd im Kundencenter präsentiert, wo sie den Abholern neuer Trucks den historischen Kontext ihrer Investition vor Augen führen. Die Mission der Mechaniker vor Ort ist klar definiert: Es geht nicht um die klinische Überrestaurierung, bei der jede Schraube glänzt, sondern um die fahrbereite Instandhaltung. Rund die Hälfte des Bestands ist einsatzfähig und macht die technische Evolution haptisch greifbar. Wie es im Booklet zur Sammlung treffend heisst: «Unsere Oldtimer machen erlebbar, welche Expertise hinter MAN steckt.»
Die Schweizer Wurzeln: MAN-Saurer
Für die Schweizer Leserschaft ist die Geschichte von MAN besonders eng mit der Adolph Saurer AG aus Arbon verknüpft. Da MAN 1915 zwar über profundes Diesel-Know-how aus dem Stationärmotorenbau verfügte, aber keine Erfahrung im Lkw-Chassis-Bau besass, gründete man mit Saurer ein Joint Venture. In Lindau am Bodensee – strategisch günstig per Fähre mit Arbon verbunden – rollten 1915 die ersten MAN-Saurer-Lkw vom Band. Sogar das Patent für die erste Motorbremse stammte von Saurer und bildete den Grundstein für die Sicherheitssysteme kommender Generationen. Nach der Trennung 1918 entwickelte sich MAN eigenständig weiter, blieb der technischen Philosophie Saurers jedoch in puncto Robustheit und Langlebigkeit stets verbunden.
Vom Urvater zum modernen Giganten
Das älteste Stück der Sammlung ist der NAG-Haubenwagen von 1911. Er leistete bis 1979 Dienst in einer argentinischen Mine und legte schätzungsweise über eine Million Kilometer zurück – oft unter extremen Bedingungen auf unbefestigten Pisten. Ein MAN-Mitarbeiter entdeckte den Veteranen zufällig im Urlaub und initiierte die spektakuläre Heimholung nach Deutschland. Mit seinem 55 PS starken Ottomotor und der Vollgummibereifung steht er symbolisch für die Unverwüstlichkeit der frühen Epoche.
Ein technisches Highlight mit direktem Bezug zur Eidgenossenschaft ist der MAN-Saugwagen 9.160 von 1970. Er wurde 2007 direkt aus der Schweiz übernommen und befindet sich im Originalzustand. Das Fahrzeug war bis Ende 2006 im aktiven Einsatz, was die enorme Lebensdauer der 160 PS starken Sechszylinder unterstreicht. Ebenfalls eidgenössische Verkehrsgeschichte atmet der Büssing-Bus von 1973, der als Stadtlinienbus in Zürich das Strassenbild prägte. Charakteristisch ist seine speziell gewölbte Frontscheibe, die den Fahrern maximale Blendfreiheit garantierte – ein Sicherheitsaspekt, der damals revolutionär war.
Einen krassen Kontrast dazu bildet die Design-Studie X90 von 1979. Auf der IAA sorgte dieses Doppelstock-Konzept für Aufsehen: Es trennte den Arbeitsplatz des Fahrers strikt von einem darüberliegenden Wohn- und Schlafmodul. Obwohl die Aerodynamik und Raumnutzung ihrer Zeit weit voraus waren, schaffte es der Entwurf nie in die Serienfertigung. Den vorläufigen Endpunkt der klassischen Ära markiert der TGX V8 von 2011. Mit 680 PS war er der letzte V8 im Programm und diente lange als Versuchsfahrzeug für internationale Vergleichstests, bevor er in den wohlverdienten Ruhestand der Remise wechselte. Den Abschluss des Rundgangs bildet die Studie Concept S von 2010. Mit ihrer windschlüpfigen Form und Kameras statt Spiegeln nahm sie bereits vor 15 Jahren vorweg, was heute auf Schweizer Strassen Standard ist.
Das Gedächtnis von MAN: Eine Million Dokumente
Nach dem Besuch der Fahrzeuge führt der Weg ins historische Archiv. Seit seiner Gründung im Jahr 1973 werden hier systematisch alle Spuren der Unternehmensgeschichte gesichert. Archivarin Felicitas Arndt leitet die Institution seit 2021 mit grosser Hingabe. Das Archiv liegt unweit des Hauserschlosses, dem einstigen Direktionssitz, der nach dem Industriellen Anton Hauser benannt ist. «Über 100 Jahre Technikgeschichte werden hier lebendig», erklärt Arndt. Auf über 1000 Regalmetern lagern 1,7 Millionen Archivalien: Fotos, technische Zeichnungen und Reparaturanleitungen. Ein besonderer Schatz sind Glasplattennegative von 1920, die
den «Glaspalast» zeigen – jene lichtdurchflutete Montagehalle in Augsburg, die Industriegeschichte schrieb.

Globaler Service für Sammler und Forscher
Felicitas Arndt ist zwar die einzige festangestellte Kraft im Archiv, aber selten allein. Sie bearbeitet jährlich rund 500 Anfragen von Studenten, Autoren und Technik-Enthusiasten. Besonders wertvoll ist ihre Arbeit für Besitzer historischer Fahrzeuge, die oft bis aus Südamerika oder Fernost anfragen, manchmal mit ganz handfesten technischen Anfragen: «Oft suchen Sammler nach Ersatzteillisten für Fahrzeuge, die nach Jahrzehnten wieder fahrtüchtig gemacht werden sollen – oder sogar immer noch im Einsatz stehen», sagt Arndt. Ob privater Modellbauer oder internationaler Historiker – das Archiv ist die zentrale Anlaufstelle. Dabei gilt es, die Balance zu halten: «Wir versuchen, alles lebendig zu halten und zugänglich zu machen, müssen aber aus Datenschutzgründen genau prüfen, was wir herausgeben.»
Identität als Markenwert
Die Mission des Archivs geht über das reine Sammeln hinaus. Es unterstützt die Markenidentität von MAN, indem es belegt, dass Innovationen wie der Diesel-Direkteinspritzer (1924) oder der erste Allrad-Lkw (1937) keine Zufallsprodukte waren, sondern Ergebnis einer konsequenten Entwicklungsstrategie. Auch Übernahmen wie die von Büssing (1971), die den berühmten Braunschweiger Löwen ins MAN-Logo brachte, sind hier lückenlos dokumentiert. Eindrücklich gerade zu dieser Episode aus der Firmengeschichte ist ein schon damals älteres Fotoalbum aus dem Büssing-Fundus, das verschiedene historische Fahrzeuge und Momentaufnahmen der Produktion zeigt. Das Besondere daran: Manche Seiten in diesem Album wurden regelrecht vandalisiert, das heisst, es wurden Fotos heraus- und Seiten eingerissen. Das Album wurde in genau diesem Zustand belassen, denn es bezeugt die hochgehenden Emotionen, mit denen mancher Büssing-Mitarbeiter mit der Firmenübernahme zu kämpfen hatte. Denn für viele bedeutete es ein schmerzhaftes Scheitern und sie empfanden es als feindliche Übernahme. Das Album, das damals als Blitzableiter diente, ist zum Zeitzeugen geworden.
Zeitstrahl: Die Evolution einer Weltmarke
- 1758: Gründung der St. Antony-Hütte in Oberhausen (Wurzel der GHH).
- 1893–1897: Rudolf Diesel entwickelt bei der Maschinenfabrik Augsburg den ersten Dieselmotor. Ein ohrenbetäubender Knall markiert 1893 die erste Zündung.
- 1915: Gründung der Lastwagenwerke MAN-Saurer in Lindau. Start des Lkw-Baus mit Schweizer Genen.
- 1916: Umzug der Produktion nach Nürnberg für die industrielle Serienfertigung.
- 1924: Ein Meilenstein: MAN präsentiert den weltweit ersten Fahrzeug-Dieselmotor mit Direkteinspritzung.
- 1932: Bau des damals leistungsstärksten Diesel-Lkw der Welt (S1H6 mit 140 PS).
- 1971: Übernahme von Büssing. Der Braunschweiger Löwe wird zum MAN-Markenzeichen.
- 2010: Studie Concept S zeigt mit cW-Wert 0,3 (PW-Niveau) die aerodynamische Zukunft.
- 2011: MAN wird offiziell Teil des Volkswagen-Konzerns (heute TRATON GROUP).













Identität als Markenwert