EU setzt auf marktorientierte Klimapolitik im Schwerverkehr
REGULIERUNG Die Europäische Union passt ihre Strategie für schwere Nutzfahrzeuge an: Mit neuen Mauterleichterungen und flexibleren CO₂-Vorgaben reagiert Brüssel auf die wirtschaftliche Realität. Während die EU Anreize schafft, warnt die Schweizer Automobilbranche vor einem drohenden Anschlussverlust.

Das EU-Parlament hat am 5. Mai einer entscheidenden Änderung der Strassenbenutzungsgebühren zugestimmt. Emissionsfreie Lastwagen und Busse können demnach bis zum 30. Juni 2031 von Maut- und Nutzungsgebühren befreit oder deutlich begünstigt werden. Diese Verlängerung der Sonderregelung um fünfeinhalb Jahre ist ein zentraler Pfeiler für eine wirksame Klimapolitik, die den Hochlauf der Elektromobilität finanziell absichern soll.
Flexiblere Klimapolitik durch CO₂‑Credits
Bereits im März 2026 legte die EU die Basis für eine flexiblere Handhabung der CO₂‑Flottenziele. Zwar bleiben die langfristigen Reduktionsziele – 45 Prozent bis 2030 und 90 Prozent bis 2040 – unangetastet, doch der Weg dorthin wird angepasst. Lastwagenhersteller können nun vermehrt Emissionsgutschriften (CO₂‑Credits) sammeln und in spätere Jahre übertragen. Damit entfällt der starre, lineare Absenkungspfad zwischen 2025 und 2029. Diese Anpassung soll sicherstellen, dass die Klimapolitik nicht an den Marktrealitäten scheitert, sondern Investitionen in neue Antriebstechnologien gezielt fördert.
Schweiz droht Vorreiterrolle zu verlieren
Aus Sicht der Schweizer Automobilimporteure ist dieser Kurswechsel ein wichtiges Signal für eine wirtschaftsorientierte Klimapolitik. Thomas Rücker, Direktor von auto-schweiz, kritisiert die zögerliche Haltung im Inland: «Die EU hat ihren Kurs korrigiert und denkt Klimapolitik und Wirtschaft zusammen. Während Brüssel Flexibilität schafft, denkt die Schweiz über zusätzliche Abgaben für Elektrofahrzeuge nach.»
Dabei ist die Ausgangslage für eine erfolgreiche Klimapolitik in der Schweiz hervorragend. Im vergangenen Jahr erreichte die Schweiz mit fast 1000 neu immatrikulierten Elektro-Lastwagen über 3,5 Tonnen einen Marktanteil von über 22 Prozent – der Spitzenwert in ganz Europa. Branchenexperten betonen jedoch, dass dieser Erfolg massiv von der Investitionssicherheit abhängt. Nur wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen, wie etwa die künftige Ausgestaltung der LSVA für emissionsfreie Fahrzeuge, langfristig verlässlich bleiben, wird die Transformation des Schwerverkehrs nachhaltig gelingen.
