Iveco fährt elektrisch in die Zukunft der Logistik
ELEKTRIFIZIERUNG Mitte März 2026 verwandelte Iveco seinen Stammsitz in Turin in ein Schaufenster der Elektromobilität. Die nun lückenlose Palette vom 2,8-Tonner bis zur 44-Tonnen-Sattelzugmaschine und das massiv ausgebaute Service-Ökosystem signalisieren: Die Transformation ist im Alltag angekommen.

Die Dekarbonisierung des Güterverkehrs ist keine Frage der fernen Zukunft mehr, sondern eine akute Aufgabe der Gegenwart. Auf den «Iveco EV-Days» in Turin wurde deutlich, dass der Fahrzeughersteller seine Rolle fundamental neu definiert, und zwar nicht nur elektrisch: Weg vom reinen Hardware-Lieferanten, hin zum ganzheitlichen Mobilitätsbegleiter. Olof Persson, CEO der Iveco Group, unterstrich die Ambition vor den geladenen Gästen: «Iveco ist heute der einzige Lkw-Hersteller weltweit mit einer komplett batterieelektrischen Range, die das gesamte Spektrum von 2,5 bis 44 Tonnen abdeckt.» Mit über 2400 ausgelieferten E-Fahrzeugen im Jahr 2025 hat die Marke bewiesen, dass die Industrialisierung der E-Mobilität skaliert. Doch das Fahrzeug ist nur ein Teil der komplexen Gleichung. Die zentrale Botschaft aus Turin lautete: Wir unterstützen unsere Kunden in jedem Aspekt der Transformation – von der passgenauen Ladeinfrastruktur von Partnern wie Alpitronic und Keba bis hin zu massgeschneiderten Finanzierungs- und Pay-Per-Use-Modellen, der intensiven Schulung der Fahrer und einem flächendeckenden Uptime-Service, der die Verfügbarkeit der Fahrzeuge maximieren und die ungeplanten Ausfälle minimieren soll.
High-Tech aus Turin und Arbon
Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen der Forschungs- und Entwicklungszentren (R&D) offenbarte die enorme technologische Tiefe. Iveco unterhält weltweit zehn R&D-Zentren mit 1200 spezialisierten Mitarbeitenden. Ein starker Fokus liegt dabei auf der Achse Turin–Arbon: Während in Turin 450 Experten die Homologationsphasen und Batterietests betreuen, steuern 200 Ingenieure im schweizerischen Arbon entscheidendes Know-how bei. Das R&D-Areal in Turin umfasst 28 000 Quadratmeter, beherbergt 69 Prüfstände und spezialisierte Labore. Das Herzstück der schweren Flotte ist die im Haus entwickelte und (zusammen mit den Batterien) gebaute e-Axle 840-R, die in den neuen S-eWay-Modellen zum Einsatz kommt. Die Zahl 840 steht hierbei für die Peak-Leistung in Kilowatt, die ein gewaltiges Drehmoment von bis zu 45’000 Newtonmetern an die Räder bringt. Diese E-Achse ist ein technisches Meisterwerk: Da sie Motor, Getriebe und Differenzial in einer Baueinheit vereint, entfällt der klassische Antriebsstrang (Kardanwelle). Dies spart Gewicht und schafft wertvollen Bauraum im Rahmen für die Batterien. Aktuell wird bereits an der nächsten Generation gearbeitet, die über mehrere Gänge und eine intelligente Drehmomentsteuerung (Torque-Control) verfügen wird.

Die Transporter-Offensive: Von Agilität bis 800-Volt-Power
Iveco hat sein Angebot im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge (LCV) massiv ausdifferenziert:
- eJolly: Der wendige Stadtprofi (2,8 bis 3,2 t) ist auf maximale Manövrierfähigkeit ausgelegt. Mit Batterien von 49 bis 75 kWh und einer Reichweite von bis zu 350 km ist er der ideale Partner für die letzte Meile.
- eSuperjolly: Als grosser Transporter mit Frontantrieb bietet er das beste Verhältnis von Nutzlast zu Batteriegrösse. Mit 205 kW Peak-Leistung und einer 110-kWh-Batterie erreicht er bis zu 420 km Reichweite.
- eMoovy: Dieses in Kooperation mit Hyundai entstandene Fahrgestell (3,5 t) ist ein technologischer Vorreiter. Dank seiner 800-Volt-Architektur lädt er mit bis zu 350 kW – ein Spitzenwert im Segment, der 100 km Reichweite in weniger als 10 Minuten regeneriert. Iveco vermarktet den eMoovy gezielt als Nischenprodukt für spezialisierte Flottenprofile.

- eDaily: Das ikonische Kernprodukt auf Leiterrahmenbasis (3,5 bis 7,2 t) bleibt der «Profi» im Sortiment. Er bietet bis zu 3,5 Tonnen Anhängelast und modulare Batterien bis 148 kWh. In Turin wurde ein Prototyp mit induktiver Ladung gezeigt, der statisch mit 90 Prozent Effizienz arbeitet. Zudem ist eine neue 800-Volt-eAchse in Arbeit, die den aktuellen Zentralmotor ersetzen wird. Bis sie zum Einsatz kommen wird, dürfte es allerdings noch etwas dauern.


Schwere Lasten, saubere Spur und elektrisch: Iveco S-eWay Rigid und Artic
Im schweren Segment setzt Iveco auf den S-eWay. Die Sattelzugmaschine (Artic) nutzt eine aerodynamisch optimierte Kabine («Aero Cab») und LFP-Batterien (Lithium-Eisen-Phosphat) mit 603 kWh Kapazität (585 kWh nutzbar). Diese Chemie bietet eine hohe Zyklenfestigkeit und Sicherheit. Mit einer Reichweite von bis zu 600 km ist der S-eWay Artic voll langstreckentauglich. Das Fahrgestell (Rigid) hingegen nutzt NMC-Batterien (Nickel-Mangan-Kobalt) für maximale Energiedichte und Nutzlast, verfügbar in Konfigurationen von 280 bis 490 kWh. Während beim S-eWay Artic die drei LFP-Batterien quer eingebaut sind, um den Platz optimal zu nutzen, den die e-Axle freilässt, sind die je nach Konfiguration vier bis sieben Battery-Packs im S-eWay Rigid längs verbaut. So bleibt den Aufbauern ausreichend Platz für Aggregate, Nebenabtriebe, Hydraulik oder andere Komponenten. Besonders flexibel zeigt sich Iveco bei den Nebenabtrieben (ePTO). Mit Leistungen bis zu 60 kW (DC) für Müllfahrzeuge oder 20 kW (AC) für Kühlaufbauten deckt der S-eWay auch anspruchsvollste Aufbaulösungen ab. Im Fahrtest mit dem S-eWay Rigid 6×2 beeindruckte die intuitive Bedienung: Über den rechten Lenkstockhebel lassen sich sechs Rekuperationsstufen ansteuern, was nach kurzer Eingewöhnungszeit das klassische Bremspedal im Alltag fast überflüssig macht. Auch hier überzeugt das Kameraspiegelsystem.

Customer Uptime Center: Die digitale Nabelschnur
Ein technologisches Highlight in Turin ist das «Customer Uptime Center» (CUC). In diesem «Control Room» überwachen Experten in 32 Sprachen rund 296’000 vernetzte Fahrzeuge weltweit. Durch das «Predictive Maintenance System» werden Daten von bis zu 30 Sensoren pro Fahrzeug in Echtzeit ausgewertet. Das Ziel: Pannen verhindern, bevor sie entstehen. 2025 wurden im CUC 4,6 Millionen Interaktionen verzeichnet. Bemerkenswert ist die Erfolgsquote, falls es doch zu einer Panne kommt: 70 Prozent der gemeldeten technischen Probleme werden direkt durch Fernsteuerung oder mobile Techniker vor Ort auf der Strasse gelöst, ohne dass das Fahrzeug eine Werkstatt aufsuchen muss. Ergänzt wird dies durch das Dienstleistungsunternehmen GATE (Green & Advanced Transport Ecosystem). GATE bietet Langzeitmieten auf «Pay-per-use»-Basis an. Kunden zahlen nur für die tatsächlich gefahrenen Kilometer, was das finanzielle Risiko des Umstiegs auf eine neue Technologie minimiert. Nach dem erfolgreichen Start in Italien ist GATE nun auch in Deutschland und Frankreich aktiv. Die Schweiz soll zeitnah folgen.

Qualität als Disziplin und Mindset
Luca Sra, President der Business Unit Truck bei Iveco, brachte in seiner Präsentation den kulturellen Wandel auf den Punkt: «Qualität ist für uns kein Slogan, sondern eine Disziplin und ein Mindset.» Iveco hat erkannt, dass ein Elektro-Lkw nur so gut ist wie das Ökosystem, das ihn unterstützt. Sra weiter: «Unser Anspruch: Höchste Qualität bei jedem Kundenkontakt – vom robusten Produkt bis zum erstklassigen Support.» Die Roadmap ist klar: Iveco setzt auf einen Multi-Propulsion-Ansatz, wobei der batterieelektrische Antrieb im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge bis 2035 bis zu 90 Prozent Marktanteil erreichen soll.
