Bus Euro Test 2026: Strom für die Überlandlinien
ÜBERLANDBUS DES JAHRES Beim renommierten Bus Euro Test im ungarischen Veszprém traten sieben grundverschiedene Überlandbusse gegeneinander an. Vom reichweitenstarken Stromer bis zum wirtschaftlichen Hybrid zeigte das Testfeld, wie rasant der Wandel nun auch im Regionalverkehr voranschreitet.

In den urbanen Zentren Europas gehört der batterieelektrische Stadtbus längst zum vertrauten Strassenbild. Im anspruchsvollen Regional- und Überlandverkehr verlief die Dekarbonisierung bislang jedoch zögerlicher. Die Gründe: Umläufe von mehreren hundert Kilometern am Tag, höhere Reisegeschwindigkeiten, topografische Hürden und eine Ladeinfrastruktur, die ausserhalb städtischer Betriebshöfe oft noch lückenhaft ist.
Der diesjährige Bus Euro Test im ungarischen Veszprém markierte in dieser Hinsicht einen Wendepunkt. Sieben Kandidaten stellten sich dem Urteil der internationalen Fachjury – und bewiesen, dass die Hersteller ihre technischen Hausaufgaben angepackt haben: Batteriekapazitäten von bis zu 700 Kilowattstunden, Reichweiten von deutlich über 400 Kilometern sowie hochentwickelte Assistenzsysteme nach GSR-II-Standard machen die neue Fahrzeuggeneration fit für den harten Alltag jenseits der Stadtgrenzen.
Yutong IC 12 E: Chinesischer Reichweitenriese
Grosse Aufmerksamkeit zog der chinesische Hersteller Yutong mit dem vollelektrischen IC 12 E auf sich. Der 12,7 Meter lange Überlandbus setzt primär auf schiere Batteriegrösse und Kosteneffizienz. Mit einem LFP-Akkupaket von bis zu 466 kWh verspricht der Hersteller Reichweiten von bis zu 675 Kilometern. Selbst bei konservativer Kalkulation im rauen Winterbetrieb ermöglicht dies den meisten Regionalbetreibern ganztägige Umläufe gänzlich ohne Zwischenladung.
Der Zentralantrieb mobilisiert eine Spitzenleistung von 350 kW, während die Ladezeit an adäquaten Gleichstrom-Ladepunkten rund 1,2 Stunden beträgt. Im praktischen Fahrtest hinterliess der Chinese einen zwiespältigen Eindruck. Der Fahrgastraum mit Platz für 59 Passagiere präsentiert sich freundlich, hell und modern. Auch das Cockpit wirkt mit seinen grossflächigen Displays und der reduzierten Schalterlandschaft sehr aufgeräumt.

Schwächen offenbarten sich jedoch bei der Fahrerergonomie: Die Einstellbereiche von Lenkrad und Fahrersitz harmonieren nicht für jede Statur. Zudem drangen im Heckbereich deutliche Antriebsgeräusche und Vibrationen in den Fahrgastraum. Gewöhnungsbedürftig ist auch die Flut an akustischen Warntönen, deren Ursache sich nicht immer auf Anhieb erschliesst. Mit einem Richtpreis von 415’000 Euro bzw. 500’000 Euro für den voll ausgestatteten Testwagen setzt Yutong die etablierten europäischen Hersteller jedoch preislich unter Druck.
Solaris Urbino 15 LE electric: Dreiachser für Massenströme
Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt Solaris mit dem Urbino 15 LE electric. Der 14,9 Meter lange Dreiachser folgt dem Konzept «One Bus – Two Missions» und schlägt die funktionale Brücke zwischen kapazitätsstarkem Vorortverkehr und langen Überlandstrecken. Das Fahrzeug bietet eine beachtliche Gesamtkapazität für bis zu 100 Fahrgäste (51 Sitz- und 26 Stehplätze im Testwagen). Mit modularen Batteriepaketen konfigurierbar bis zu 700 kWh (Testfahrzeug 500 kWh) knackt der Low-Entry-Riese locker die 400-Kilometer-Marke.

Geladen wird zeitgemäss via CCS2-Stecker. Auf der Teststrecke gefiel der Urbino mit einer überaus präzisen, leichtgängigen Lenkung und einem übersichtlichen, sachlichen Fahrerarbeitsplatz. Punktabzüge gab es für den Abrollkomfort: Fahrbahnunebenheiten wurden als spürbare Stösse in den Aufbau weitergeleitet. Zudem fiel bei Geschwindigkeiten unter 20 km/h ein hochfrequentes Surren des Antriebsstrangs auf. Der Spurhalteassistent agierte zudem übernervös und schlug Alarm, noch bevor die Räder die Fahrbahnmarkierung berührten. Mit rund 600’000 Euro markiert der Solaris das obere Ende der Preisskala.
Setra MultiClass S 515 LE Hybrid: Benchmark bei Ökonomie und Ergonomie
Dass das Ende des Verbrennungsmotors noch nicht besiegelt ist, bewies Setra mit der MultiClass S 515 LE. Der 12,2 Meter lange Low-Entry-Bus war das einzige dieselbetriebene, hybridisierte Fahrzeug – und setzte in vielen Disziplinen die absolute Messlatte. Angetrieben vom bewährten Reihensechszylinder OM 936 mit 260 kW (354 PS) in Kombination mit dem ZF Ecolife 2 Automatikgetriebe, nutzt der Setra ein kompaktes 48-Volt-Hybridmodul.

Der Elektromotor rekuperiert beim Bremsen und unterstützt beim Anfahren, was den Verbrauch um rund drei Prozent auf etwa 21 l/100 km drückt. Auf den Testrunden rund um Veszprém zeigte der Setra seine Ausnahmestellung: Das Fahrverhalten ist extrem ruhig, frei von Vibrationen und von störenden Karosseriegeräuschen. Der Fahrerarbeitsplatz setzt in puncto Haptik, Übersichtlichkeit, Spiegelersatzsystem und Ergonomie die Referenz im Markt. Sicherheitsassistenten wie Sideguard Assist 2 und Preventive Brake Assist 2 greifen unaufgeregt und präzise ein. Mit einem Anschaffungspreis von rund 285’000 Euro für das Testfahrzeug ist der Setra mit grossem Abstand das wirtschaftlich attraktivste Angebot.
Scania Castrosua Hero PHEV: Das Beste aus zwei Welten?
Scania präsentierte in Kooperation mit dem spanischen Karosseriebaupartner Castrosua den 15 Meter langen Hero PHEV. Der Dreiachser setzt auf ein Plug-in-Hybrid-Konzept: Zwei Elektromotoren mit zusammen 290 kW Peakleistung und eine 89-kWh-Batterie ermöglichen bis zu 70 Kilometer rein elektrisches Fahren. Damit lassen sich urbane Umweltzonen lokal emissionsfrei durchqueren.

Auf der Autobahn und Überlandstrecke schaltet sich der 460 PS starke 13-Liter-Scania-Super-Dieselmotor nahtlos zu. In Summe ermöglicht das System mit 275 Litern Dieseltreibstoff eine Gesamtreichweite von über 1400 Kilometern bei einer bilanziellen CO₂-Reduktion von bis zu 47 Prozent. Dank des Hochbodenkonzepts mit 65 bequemen Sitzen und 5,5 m³ Kofferraumvolumen vermittelt der Hero echtes Reisebus-Flair. Das Fahrwerk filtert Fahrbahnstösse souverän heraus, die Lenkung arbeitet butterweich. Verbesserungspotenzial offenbarte der Castrosua-Aufbau: Die Stufen im hinteren Einstiegsbereich sind schmal geraten.
Otokar e-Territo: Ambitionierter Stromer mit Entwicklungsbedarf
Der türkische Hersteller Otokar schickte mit dem 13 Meter langen e-Territo einen vollelektrischen Überland- und Schulbus ins Rennen. Ein getriebeloser Driventic-Direktantrieb leistet bis zu 410 kW und wuchtige 3100 Nm Drehmoment. Die flüssigkeitsgekühlten LFP-Batterien fassen 449 kWh, was Reichweiten von bis zu 590 Kilometern ermöglichen soll. Otokar garantiert zudem eine Lebensdauer von bis zu 6000 Ladezyklen.

Auf der Strasse konnte der e-Territo die Erwartungen jedoch nicht ganz erfüllen. Das Fahrverhalten wirkte unausgewogen; bei zügiger Kurvenfahrt fehlte es an Stabilität, und die Lenkung bot zu wenig Rückmeldung. Akustisch machten sich ein dominantes Pfeifen an der Fahrzeugfront sowie deutliche Schläge und Summgeräusche der Leistungselektronik im Heck bemerkbar. Zudem geriet der Fahrerplatz arg eng. Mit rund 400’000 Euro ist der Otokar zwar günstig, braucht aber noch Feinschliff.
MAN Lion’s City 12 E LE: Stimmiges Gesamtpaket aus Nürnberg
Zu den Highlights zählte der MAN Lion’s City 12 E LE. Der 12 Meter lange Solobus bündelt das gesamte E-Know-how der Münchner: Die modularen 89-kWh-Batteriepakete stammen aus der konzerneigenen Batteriefertigung in Nürnberg, bieten bis zu 90 Prozent nutzbare Kapazität und sind auf eine Lebensdauer von bis zu 15 Jahren ausgelegt. Damit schafft der MAN reale Überlandreichweiten bis 450 Kilometer.

Auf der Teststrecke begeisterte der MAN mit ausserordentlicher Ausgewogenheit. Das Zusammenspiel aus Fahrpedal, Betriebsbremse und dem mehrstufigen Rekuperationslenkstockhebel funktioniert nahtlos. Der Fahrerplatz ist ergonomisch durchdacht, die Instrumente sind brillant ablesbar. Der Fahrgastraum wirkt elegant, hell und hochwertig verarbeitet. Einziger Kritikpunkt: Das extrem laute akustische Warnsignal der Fussgängererkennung im Aussenbereich. Mit einem Testwagenpreis von rund 510’000 Euro liefert MAN ein rundum überzeugendes Serienprodukt.
Iveco Crossway Electric: Bewährte Plattform unter Strom
Iveco setzt bei der Elektrifizierung auf Kontinuität und transformierte seinen europäischen Überland-Bestseller: den Crossway. Die 13 Meter lange Elektro-Variante nutzt die bewährte Verbrenner-Plattform, was Flottenbetreibern enorme Vorteile bei Ersatzteilen und Werkstattausrüstung garantiert. Im Heck arbeitet ein Siemens-Zentralmotor mit 290 kW Leistung, kombiniert mit NMC-Batteriepaketen, die Reichweiten von bis zu 400 Kilometern ermöglichen.

Beim Fahrtest punktete der Crossway mit seinen grosszügigen Gepäckablagen im Innenraum und einem fein dosierbaren Rekuperationshebel. Allerdings zeigte der Bus bei Autobahntempo leichte Schwächen bei der Spurtreue. Der unveränderte Fahrerarbeitsplatz bietet mit den limitierten Verstellbereichen für Sitz und Lenksäule grossen Chauffeuren wenig Beinfreiheit. Mit rund 450’000 Euro platziert Iveco den Crossway Electric als pragmatischen Allrounder.
Fazit der Fachjury
Der Bus Euro Test 2026 hat deutlich gezeigt: Die Ära des emissionsfreien Regionalverkehrs hat begonnen. Reichweitenangst gehört dank Batteriekapazitäten jenseits der 400 kWh endgültig der Vergangenheit an. Während moderne Hybride und Plug-in-Lösungen als Brückentechnologie punkten, gehört die langfristige Zukunft dem reinen Batterieantrieb. Welcher der sieben Kandidaten zum «Bus of the Year 2027» gekürt wird, zeigt sich im November auf der IBE in Rimini.












