Rumänische Vielfalt heisst Aveuro International

MINIBUSSE Aveuro International: Rumäniens Erfolgsgeschichte im Minibusbau. Ein Familienbetrieb wird zum E-Pionier und erobert europäische Strassen. Bald auch in der Schweiz?

Ein Werksbesuch der «Bus of the Year»-Jury gab Einblicke in eine Produktion, die zwischen handwerklicher Tradition und moderner E-Mobilität balanciert.
Ein Werksbesuch der «Bus of the Year»-Jury gab Einblicke in eine Produktion, die zwischen handwerklicher Tradition und moderner E-Mobilität balanciert.

Die Geschichte von Aveuro International ist eine klassische Erfolgsstory, wie sie in der osteuropäischen Nutzfahrzeugbranche nach der Jahrtausendwende häufiger anzutreffen ist. Gegründet im Jahr 2007 als kleiner Familienbetrieb, konzentrierte sich das Unternehmen zunächst auf regionale Transportdienstleistungen und Reparaturen. Doch der Ehrgeiz wuchs schnell: Aus dem Reparaturbetrieb wurde eine industrielle Fahrzeugfertigung. Was anfangs für den Eigenbedarf konstruiert wurde, entwickelte sich rasch zum Exportschlager. Heute befindet sich die Produktionsstätte in Câmpina, rund 100 Kilometer nördlich der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Die Zahlen sind beeindruckend: Auf einem Aussenareal von 23 000 m² und einer Hallenfläche von 8500 m² betreibt Aveuro nach eigenen Angaben eine der grössten Minibus-Fertigungsstätten Europas. Mehr als 110 hoch qualifizierte Mitarbeiter sind in der Serienproduktion beschäftigt. Die Taktung ist straff: Jeden Tag verlassen ein bis drei Minibusse das Werk, ergänzt durch einen Midibus pro Woche. Während in den Gründungsjahren fast ausschliesslich für den rumänischen Markt produziert wurde, wanderte vor dem Einzug der Elektromobilität rund 80 Prozent der Produktion ins Ausland. Aktuell liegt der Fokus mit einem Inlandsanteil von 32 Prozent wieder etwas stärker auf dem Heimmarkt, doch die Expansion nach Westen läuft auf Hochtouren.

Die angelieferten Busse gleichen einem Gerippe auf Rädern und verlassen die Halle als komplette Kleinbusse.
Die angelieferten Busse gleichen einem Gerippe auf Rädern und verlassen die Halle als komplette Kleinbusse.

Handarbeit trifft Typengenehmigung

Wer moderne Automobilwerke von Grosskonzernen mit ihren hochgradig automatisierten Roboterstrassen kennt, erlebt in Câmpina einen Kulturschock der sympathischen Art. In den Hallen von Aveuro regiert das Handwerk. Mit vergleichsweise simplen Werkzeugen und wenigen hochkomplexen Hilfsmitteln werden hier die angelieferten Fahrgestelle von Mercedes-Benz, Ford und Iveco veredelt. Doch der Schein trügt: Trotz der handwerklichen Anmutung unterliegt jeder Arbeitsschritt einer strengen Qualitätssicherung. Die Fertigung beginnt mit der akribischen Vorbereitung der Chassis. Es folgen Schweissarbeiten am Gerippe und die Bodenmontage, bevor es an die Elektro- und Systemintegration geht. Anschliessend folgen der Innenausbau und die Verglasung. Die hauseigene Lackiererei mag einfach wirken, erfüllt aber alle modernen Anforderungen an Korrosionsschutz und Oberflächengüte. Dass Aveuro die europäischen Typengenehmigungsstandards (WVTA) erfüllt, ist Ehrensache und zugleich Eintrittskarte für den anspruchsvollen EU-Markt.

Jeder Bus wird unter einfachsten Bedingungen mit viel Handarbeit und nach Kundenwunsch aufgebaut.
Jeder Bus wird unter einfachsten Bedingungen mit viel Handarbeit und nach Kundenwunsch aufgebaut.

Das Portfolio: Modularität als Trumpf

Die Stärke der Rumänen liegt in der Flexibilität. Auf Basis des Mercedes-Benz Sprinter, des Iveco Daily oder des Ford Transit entstehen massgeschneiderte Lösungen für den Schul-, Linien- und Reiseverkehr. Das Spektrum reicht vom komfortablen 19-Sitzer mit Sonderausstattung für die Beförderung von Fahrgästen mit eingeschränkter Mobilität bis hin zu Midibussen mit über 35 Sitzplätzen. Auch Stadtbusausführungen mit Stehplätzen und manuellen Rampen für Rollstuhlfahrer gehören zum Standardrepertoire.

Auf Iveco-Daily-Chassis entstehen Midibusse mit bis zu 35 Sitzplätzen.
Auf Iveco-Daily-Chassis entstehen Midibusse mit bis zu 35 Sitzplätzen.

2024: Der elektrische Wendepunkt

Vor über einem Jahr vollzog Aveuro den wohl wichtigsten Schritt der Unternehmensgeschichte: den Einstieg in die batterieelektrische Welt. Auf Basis des Ford E-Transit und des Mercedes-Benz E-Sprinter fertigen die Rumänen nun lokal emissionsfreie Personenbeförderungsmittel. Das Angebot umfasst unter anderem einen 16+1-sitzigen Schulbus sowie eine barrierefreie Stadtbusversion. Ein prominentes Beispiel ist der «E-Sprinter City Minibus». Er nutzt das Chassis des aktuellen Mercedes-Benz E-Sprinters und bietet Platz für 15 Fahrgäste, einen Rollstuhl und zehn Stehplätze.

Technisch setzt das Fahrzeug auf eine Batteriekapazität von 81 kWh, die einen 150 kW starken Elektromotor speist. Mit einem Drehmoment von 400 Nm und klassischem Heckantrieb ist der Bus bestens für den urbanen Alltag gerüstet. Besonders relevant für die Praxis sind die Ladezeiten: Über Wechselstrom dauert eine Vollladung rund 12 Stunden. Werden jedoch Schnellladeeinrichtungen genutzt, sinkt die Standzeit bei einem 115-kW-Lader auf etwa 30 Minuten für einen Hub von 10 auf 80 Prozent. Der Energieverbrauch wird mit 27,5 bis 34,2 kWh pro 100 Kilometer angegeben – ein solider Wert für diese Gewichtsklasse. Je nach Konfiguration verspricht Aveuro Reichweiten zwischen 350 und 500 Kilometern, was im Minibus-Segment einen Spitzenplatz markiert.

Auch Lifte für den Transport von Fahrgästen mit eingeschränkter Mobilität werden bei Aveuro eingebaut.
Auch Lifte für den Transport von Fahrgästen mit eingeschränkter Mobilität werden bei Aveuro eingebaut.

Fahreindrücke: Robustheit im Härtetest

Die Testfahrt führte uns von Câmpina nach Valea Doftanei, mitten in die rumänischen Berge. Die Strecke bot alles, was ein Fahrwerk fordert: enge Kehren, steile Anstiege und Strassenbeläge, die diesen Namen teilweise kaum mehr verdienen. Hinter dem Lenkrad des voll besetzten E-Sprinter Minibusses zeigte sich die Qualität des Aufbaus. Trotz der «löchrigen» Infrastruktur gab es kein Klappern oder Knarzen in der Kabine – ein Beweis für die solide Verarbeitung der Inneneinrichtung. Das Fahrwerk bügelte Unebenheiten souverän weg, während der Elektromotor den Bus druckvoll und beinahe lautlos die Bergstrassen emporzog. Die Lenkung blieb auch in engen Kehren präzise, und die Rekuperation half dabei, auf den Bergabpassagen die Batterie wieder sanft zu speisen. Das Fahrgefühl war insgesamt sehr ausgewogen und vermittelte eine Sicherheit, die manch asiatischem Mitbewerber in dieser Klasse abgeht. Die Flexibilität in der Kabinengestaltung ist ein weiterer Punkt, der Aveuro von der Grossserie abhebt. Da jeder Bus in Câmpina manuell aufgebaut wird, kann das Unternehmen auf spezifische Kundenwünsche eingehen, die über die Standard-Optionen der Chassis-Hersteller hinausgehen. Von der Platzierung der USB-Ports bis hin zur Integration komplexer Infotainment-Systeme oder spezieller Gepäckraumlösungen zeigt sich die tiefe Fertigungstiefe des Betriebs. Auch die thermische Isolierung, ein oft unterschätzter Faktor bei Elektrofahrzeugen, wurde für die extremen klimatischen Bedingungen Osteuropas optimiert. Das kommt nicht nur der Energieeffizienz der Klimatisierung zugute, sondern sorgt auch für ein behagliches Innenraumklima bei winterlichen Passfahrten.

Der vollelektrische Mercedes-Benz E-Sprinter zeigte auf der Testfahrt gute Fahreigenschaften.
Der vollelektrische Mercedes-Benz E-Sprinter zeigte auf der Testfahrt gute Fahreigenschaften.

Eine Bereicherung für den Schweizer Markt?

Noch ist Aveuro International in der Schweiz nicht vertreten, doch das könnte sich bald ändern. Die Kombination aus bewährten Basisfahrzeugen namhafter Hersteller (Mercedes, Ford, Iveco) und dem flexiblen, handwerklich soliden Aufbau aus Rumänien ist attraktiv. In Zeiten, in denen die grossen Hersteller ihre Minibus-Sparten oft ausgliedern oder vernachlässigen, füllen Spezialisten wie Aveuro diese Lücke perfekt aus. Zudem stellt ein europäischer Hersteller eine gesunde Konkurrenz zu den aufstrebenden asiatischen Marken dar. Kurze Lieferwege innerhalb Europas, ein Verständnis für hiesige Qualitätsansprüche und die Fähigkeit, auch kleine Losgrössen individuell zu fertigen, sprechen für die Rumänen. Für Schweizer Flottenbetreiber, die nach einer zuverlässigen und zugleich bezahlbaren Lösung für den elektrischen Linien- oder Schulverkehr suchen, könnte Aveuro bald mehr als nur ein Geheimtipp sein. Die Symbiose aus rumänischer Gelassenheit bei der Fertigung und strikter Einhaltung technischer Normen ergibt ein Produkt, das reif für den anspruchsvollen Alpenmarkt ist. ■

Die fertigen Busse, die aus dem Werk in Câmpina kommen, lassen sich sehen – von aussen wie auch im Innenraum.
Die fertigen Busse, die aus dem Werk in Câmpina kommen, lassen sich sehen – von aussen wie auch im Innenraum.
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