Keine MAN-Lastwagen ohne die Geburtshilfe von Saurer
VOR 111 JAHREN Der Weg der MAN Truck & Bus zum heutigen globalen Player begann 1915 mit einem strategischen Kraftakt am Bodensee. Da eigene Erfahrung fehlte, sicherte sich MAN durch eine Allianz mit dem Schweizer Pionier Saurer den Zugang zu Spitzen-Know-how.

Die Geschichte der MAN Truck & Bus beginnt nicht mit einer eigenen Erfindung, sondern mit einer strategischen Vision und einem diplomatischen Meisterstück. Während die MAN-Vorgänger bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Eisenbahnwaggons und Strassenbahnwagen bauten, blieb der Vorstoss in den Bereich der Lastkraftwagen lange umstritten.
Der strategische Weg zum Lastwagen
Es war Generaldirektor Anton von Rieppel, der die Devise ausgab: «Die MAN muss auf Räder gestellt werden.» Doch er stiess intern zunächst auf Skepsis – bis der Erste Weltkrieg die Rahmenbedingungen änderte. Mit dem Ausbruch des Krieges 1914 garantierte die Heeresverwaltung die Abnahme von Kraftwagen. Plötzlich wurden im Werk Nürnberg Kapazitäten frei, da der Kranbau nach Duisburg und der Dieselmotorenbau nach Augsburg konzentriert wurden.
Doch für eine eigene Entwicklung war es zu spät; in Deutschland rollten bereits 10’000 Lastwagen der Konkurrenz. Rieppel suchte deshalb nach Partnern. Doch die etablierten deutschen Firmen wie Büssing, Horch und Daimler hatten kein Interesse daran, sich einen neuen Konkurrenten heranzuziehen, und verweigerten Lizenzen. Die Suche führte schliesslich über die Grenze in die Schweiz, zur Firma von Adolph Saurer.

Verhandlungen auf Augenhöhe
Saurer war damals der technologische Weltmarktführer mit über 50 internationalen Preisen. Am 11. Dezember 1914 verfasste Rieppel den entscheidenden Brief an Adolph Saurer. Was folgte, war eine für die Industriegeschichte ungewöhnlich wertschätzende Korrespondenz. In einer Atmosphäre tiefen Vertrauens verhandelten die Firmenchefs Rieppel und Saurer (unterstützt von seinem Sohn Hippolyt).
Ein entscheidendes Detail der historischen Quellen: MAN wollte ursprünglich nur eine Lizenz kaufen. Dies lehnte Saurer jedoch strikt ab. Nach schlechten Erfahrungen mit einer Lizenzvergabe in die USA im Jahr 1911 fürchtete er den Kontrollverlust. Er forderte stattdessen eine echte Kooperation, die ihm Mitbestimmung garantierte.
Die Gründung in Lindau (1915)
Am 21. Juni 1915 wurde die «Lastwagenwerke M.A.N.-Saurer GmbH» mit einem Kapital von 500’000 Mark ins Handelsregister Nürnberg eingetragen. Da das Werk in Lindau geografisch ideal gegenüber von Arbon lag, wurde es zum Zentrum der Produktion. Die Fahrzeuge wurden über das bereits bestehende, dichte Vertretungsnetz von Saurer vertrieben – ein strategischer Geniestreich für den Markteintritt der MAN.

Die Produktion in Lindau und später in Nürnberg basierte auf den präzisen Schweizer Plänen. Ingenieure aus Arbon pendelten täglich mit dem Schiff nach Lindau, um die Produktion zu überwachen und das deutsche Personal zu schulen. Die Präzision, mit der in Arbon gefertigt wurde, sollte 1 : 1 nach Lindau übertragen werden.

Das Programm war vielfältig: Es gab Kardanwagen für 2 bis 3,5 Tonnen und schwere Kettenwagen für 4 bis 5 Tonnen Nutzlast. Alle Lkw verfügten über Vierzylinder-Motoren, die berühmte Saurer-Motorbremse, Holzräder und Vollgummibereifung. Luxus wie elektrische Beleuchtung fehlte; man vertraute auf Carbid- und Petrollampen.

Politischer Druck und Trennung der MAN von Saurer
Die Zusammenarbeit war technologisch fruchtbar, geriet aber in das Kreuzfeuer der Weltpolitik. Saurer war ein neutraler Schweizer Hersteller und belieferte über sein Werk in Frankreich auch die französische Armee mit über 5000 Fahrzeugen. Dass Saurer-Lkw der Entente in der Verteidigungsschlacht um Verdun vorzügliche Dienste leisteten, führte zu massivem Druck durch die deutsche Heeresverwaltung.
Man drängte MAN zur Trennung vom ausländischen Partner. Zusätzlich gab es interne Spannungen bezüglich technischer Anpassungen für den «Heereswagen». Dies führte dazu, dass Saurer 1918 als Gesellschafter ausschied. Am 18. November 1918 erfolgte die Umbenennung in MAN Lastwagenwerke. Der Name Saurer verschwand, doch die Schweizer DNA blieb in den Plänen noch lange lebendig.
Die Bilder in diesem Artikel wurden freundlicherweise vom historischen MAN-Archiv zur Verfügung gestellt.
