Autonomes Fahren in Bern: Mathilde rollt fahrerlos
MEILENSTEIN Erstmals in Europa fährt ein hochautomatisiertes Level-4-Lieferfahrzeug ohne Fahrer hinter dem Lenkrad durch Bern. Planzer und LOXO integrieren das Fahrzeug «Mathilde» in den regulären Logistikbetrieb.

Autonomes Fahren Bern: Europapremiere im regulären Betrieb
Mit einem historischen Schritt für das autonome Fahren in Bern und ganz Europa hat das Projekt «Planzer – Dynamic Micro-Hub with LOXO» eine neue Phase eingeläutet: Seit Mai 2026 fährt das hochautomatisierte Level-4-Lieferfahrzeug «Mathilde» ohne Fahrer hinter dem Lenkrad durch das Berner Stadtgebiet. Damit handelt es sich europaweit um den ersten Fall, in dem ein solches Fahrzeug im öffentlichen Strassenverkehr und im regulären Logistikbetrieb ohne Person am Steuer eingesetzt wird. Die Fernüberwachung erfolgt aus der Distanz; ein Sicherheitspassagier auf dem Beifahrersitz bleibt vorerst als zusätzliche Rückfallebene an Bord.
Grundlage für diesen Entwicklungsschritt ist eine Bewilligung des Bundesamts für Strassen (ASTRA), welche den Betrieb ohne Fahrer hinter dem Lenkrad im definierten Einsatzgebiet unter klaren Auflagen erlaubt. Jürg Röthlisberger, Direktor ASTRA, kommentiert: «Die Schweiz verfolgt beim automatisierten Fahren bewusst einen schrittweisen und sicherheitsorientierten Ansatz. Pilotprojekte wie jenes von LOXO und Planzer ermöglichen es, Erfahrungen unter realen Bedingungen zu sammeln und gleichzeitig klare Anforderungen an Sicherheit, Betrieb und Überwachung sicherzustellen.»

Vom Pilotprojekt zur integrierten City-Logistik
Die Besonderheit des Projekts liegt nicht allein in der Fahrzeugtechnologie, sondern in der konsequenten Integration in ein reales urbanes Logistiksystem. «Mathilde» fungiert als mobiler Micro-Hub und verbindet das Planzer Bahncenter beim Berner Güterbahnhof mit mehreren Umschlagspunkten im zentrumsnah gelegenen Stadtgebiet. Das Konzept basiert auf standardisierten Wechselboxen: Diese werden im Bahncenter vorbeladen, von «Mathilde» hochautomatisiert transportiert und an definierten Punkten nahe der Innenstadt effizient ausgetauscht. Die Zustellfahrerinnen und -fahrer übernehmen die Wechselboxen direkt vor Ort und liefern Pakete auf der letzten Meile mit ihren Zustellkleinfahrzeugen aus.

Das Konzept reduziert Standzeiten sowie CO₂-Emissionen und minimiert gezielt den innerstädtischen Verkehr. Nils Planzer, CEO und Verwaltungsratspräsident von Planzer, hält fest: «Mit diesem Schritt zeigen wir, dass automatisierte Fahrzeuge nicht nur technologisch funktionieren, sondern sich auch in reale Logistikprozesse integrieren lassen. Genau darin liegt der entscheidende Fortschritt – und das Potenzial für die Zukunft der urbanen Gütermobilität.»
Technologie und Regulierung als gemeinsame Basis
Europa verfolgt bei der Einführung autonomer Fahrzeuge einen bewusst anderen Weg als etwa die USA oder China. Lara Amini, Mitgründerin von LOXO, erklärt: «In Europa wird zuerst reguliert, validiert und abgesichert – und erst danach skaliert. Das kann den Eindruck erwecken, Europa sei noch nicht so weit. Tatsächlich entsteht dadurch aber die Grundlage für einen sicheren und nachhaltigen Einsatz autonomer Fahrzeuge im öffentlichen Raum.»
LOXO gehört zu den wenigen europäischen Anbietern hochautomatisierter Fahrzeugtechnologie und entwickelt seine Systeme seit Beginn entlang regulatorischer Anforderungen. Bereits 2023 brachte das Schweizer Unternehmen ein hochautomatisiertes Fahrzeug auf öffentliche Strassen. In den vergangenen Monaten mussten Planzer und LOXO unter realen Bedingungen nachweisen, dass die Technologie auch in komplexen Verkehrssituationen und bei wechselnden Wetterbedingungen zuverlässig funktioniert. Amin Amini, CEO von LOXO, betont: «Skalierbarkeit im autonomen Fahren entsteht nicht durch mehr Fahrzeuge allein, sondern durch nachgewiesene Systemleistung und eine robuste Sicherheitsarchitektur.»

Autonomes Fahren in Bern: Die nächste Stufe ist definiert
Das langfristige Ziel von Planzer und LOXO bleibt der vollständig fahrerlose Betrieb – also ohne jeglichen Sicherheitspassagier im Fahrzeug. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits. Um den aktuellen Stand einzuordnen: Das Projekt operiert auf Stufe 4 der Automatisierungsskala. Das Fahrzeug agiert innerhalb eines definierten Einsatzgebiets selbstständig und bewältigt auch komplexe Verkehrssituationen eigenständig, ohne dass ein menschlicher Eingriff zwingend erforderlich ist. Die nächste und letzte Stufe – Stufe 5 – entspricht der vollständigen Autonomie ohne jede menschliche Intervention.

Der Name «Mathilde» trägt dabei eine besondere Bedeutung: Mathilde Planzer, geborene Mathilde Rehm, war die Ehefrau von Firmengründer Max Planzer. Sie absolvierte 1938 ohne Wissen ihres Mannes die Lastwagenprüfung und hielt damit den Betrieb während des Zweiten Weltkriegs am Laufen. Die Angestellten nannten sie respektvoll «Mutter des Betriebes». Dass das erste fahrerlose Lieferfahrzeug Europas ihren Namen trägt, ist ein Verweis auf Unternehmergeist und Pionierleistung – damals wie heute.

