70 Jahre Werk Hannover: Bulli-Zukunft wird autonom

JUBILÄUM Vom Wirtschaftswunder-Symbol T1 bis zum fahrerlosen ID. Buzz AD: Das Volkswagen-Nutzfahrzeuge-Werk in Hannover feiert seinen 70. Geburtstag. Mit dem Start der Vorserienfertigung des ersten voll­autonomen Roboshuttles Europas festigt der Standort seine Rolle als technologische Speerspitze.

Nach nur ,einem Jahr Bauzeit rollen hier ab ,8. März 1956 bis heute elf Millionen VW Transporter vom Band.
Nach nur einem Jahr Bauzeit rollen hier ab 8. März 1956 bis heute elf Millionen VW Transporter vom Band.

Bei unserem Besuch im Werk Hannover-Stöcken, das am 8. März 2026 sein 70-jähriges Bestehen feierte, ging es um weit mehr als eine blosse Jubiläums-Retrospektive. Hannover ist das Herzstück einer Marke, die sich gerade neu erfindet. Vor genau sieben Jahrzehnten lief hier der erste T1 aus Hannover vom Band – ein Fahrzeug, das wie kein zweites für den Wiederaufbau und die neu gewonnene Mobilität der Nachkriegszeit steht.

Heute, elf Millionen produzierte Fahrzeuge später, ist das Werk kein reiner Produktionsort mehr, sondern das globale Kompetenzzentrum für die Mobilität von morgen. Die Geschichte Hannovers ist eine Geschichte des permanenten Wandels: Was 1956 als Antwort auf die Kapazitätsgrenzen des Wolfsburger Stammwerks begann, hat sich über sieben Bulli-Generationen hinweg zum modernsten E-Mobilitätsstandort der Gruppe entwickelt. Der aktuelle Hochlauf der Vorserienproduktion des vollautonomen ID. Buzz AD (Autonomous Driving) markiert dabei den radikalsten technologischen Sprung seit der Grundsteinlegung.

Hannover beweist: Tradition ist hier kein bremsendes Erbe, sondern das Fundament für die Industrialisierung einer Technologie, die den Stadtverkehr weltweit revolutionieren wird.

Das jüngste Familienmitglied – der ID. Buzz – drängt sich frech in den Vordergrund. Dahinter von links nach rechts aufgereiht T1 bis T5.
Das jüngste Familienmitglied – der ID. Buzz – drängt sich frech in den Vordergrund. Dahinter von links nach rechts aufgereiht T1 bis T5.

Von «Halle 1» zum Roboshuttle-Hub

Der Rückblick verdeutlicht die immense Geschwindigkeit der Entwicklung. 1955 entschied Heinrich Nordhoff, den Bulli aus Wolfsburg auszugliedern. In der Rekordzeit von nur einem Jahr entstand in Hannover die damals grösste Fertigungshalle Europas. Seit jenem 8. März 1956 prägen die «Bullibauer» das Gesicht der Marke. Heute ist die Fabrik auf 1,1 Millionen Quadratmeter angewachsen – das entspricht etwa 153 Fussballfeldern. Doch die wahre Grösse zeigt sich in der technischen Komplexität: Hannover beherrscht heute das parallele Fertigen unterschiedlichster Plattformen – vom konventionellen Multivan auf MQB-Basis bis zum vollelektrischen ID. Buzz auf der MEB-Plattform.

Heute ist die Fabrik auf 1,1 Millionen Quadratmeter angewachsen.
Heute ist die Fabrik auf 1,1 Millionen Quadratmeter angewachsen.

ID. Buzz AD und die MOIA-Integration

Das spannendste Kapitel der Gegenwart ist die Vorserienfertigung des ID. Buzz AD. Erstmals wird in Europa ein Roboshuttle mit Mobileye-Technologie in industrieller Skalierung gefertigt. Rund 500 Fahrzeuge entstehen bereits in diesem Jahr für Testprojekte in Europa (inklusive Schweiz) und den USA. Technisch ist dies ein Meisterwerk der Prozessintegration: Die autonomen Fahrzeuge durchlaufen die gleichen Montageabschnitte wie ihre konventionellen Geschwister.

Erst in einer spezialisierten Zusatzschleife erhalten sie ihre autonome Intelligenz. Hier wird ein kombiniertes Dachmodul verbaut, das mit 13 Kameras, neun LiDAR-Sensoren (Laserscanner) und fünf Radarsensoren ein redundantes 360-Grad-Bild der Umgebung erzeugt.

Ein Hochleistungsrechner auf der Beifahrerseite übernimmt die Auswertung der Datenströme in Echtzeit. Am Ende dieser «Hightech-Schleife» stehen die präzise Kalibrierung der Sensorik und die Inbetriebnahme des Systems.

2027 wird dieser Prozess in die Grossserie übergehen, womit Hannover zum weltweit ersten Standort avanciert, der Level-4-Serienfahrzeuge für den Weltmarkt liefert. Diese Fahrzeuge sind das Herzstück der «MOIA Turnkey Solution», einer schlüsselfertigen Gesamtlösung für Städte, die fahrerlose On-Demand-Dienste skalierbar machen wollen.

Dieser Hochleistungsrechner auf der Beifahrerseite wertet die Datenströme ,in Echtzeit aus.
Dieser Hochleistungsrechner auf der Beifahrerseite wertet die Datenströme in Echtzeit aus.

Nachhaltigkeit und Komponenten-Power

Parallel zur Automatisierung treibt das Werk die ökologische Transformation voran. Seit Anfang 2026 wird der Standort ausschliesslich mit Grünstrom versorgt. Die Integration eines eigenen Biomasse-Heizkraftwerks ist ein weiterer Hebel, um das Ziel einer bilanziell klimaneutralen Produktion bis 2040 zu erreichen. Diese «grüne Null» ist Teil der Strategie, den ökologischen Rucksack der Fahrzeuge bereits in der Entstehung zu minimieren.

Ein oft unterschätzter Treiber ist die Volkswagen Group Components direkt am Standort. Die lokale Batteriesystemfertigung (NMC) sorgt für kurze Wege und hohe Effizienz. Mit dem bevorstehenden Upgrade auf die Cell-to-Pack-Bauweise und die neue Einheitszelle wird die Kapazität um 50 Prozent gesteigert. Hannover wird damit zum zentralen Versorger für vier Konzernmarken an sieben Standorten. Auch die spezialisierten Achsen für den ID. Buzz AD kommen aus der unmittelbaren Region (Barsinghausen), was die regionale Wertschöpfung massiv stärkt.

Hinter den nackten Zahlen und den futuristischen Sensoren stehen die Menschen. Rund 13 000 Mitarbeitende füllen das Werk mit Leben, viele davon in der dritten Generation. Stavros Christidis, Betriebsratsvorsitzender, bringt es auf den Punkt: «Hannover ist nicht einfach eine Fabrik – es ist eine Gemeinschaft. Jede Halle erzählt Geschichten von Menschen, die zusammenstehen – in guten wie in herausfordernden Zeiten.»

Hier wird dem ID. Buzz AD das kombinierte Dachmodul mit Kameras, LiDAR- und Radarsensoren aufgesetzt.
Hier wird dem ID. Buzz AD das kombinierte Dachmodul mit Kameras, LiDAR- und Radarsensoren aufgesetzt.

Kompetenzbündelung bringt California ins Stammwerk

Der Erfolg der aktuellen Modellpalette gibt der Strategie recht: Der ID. Buzz verzeichnete 2025 ein Absatzplus von 102 Prozent, und auch der ebenfalls hier gebaute Multivan wächst zweistellig. Mit der geplanten kompletten Integration der California-Produktion in das Stammwerk ab Sommer 2026 wird die Kompetenzbündelung finalisiert. Hannover hat den Sprung vom klassischen Nutzfahrzeugwerk zum softwaregetriebenen Mobilitätsdienstleister geschafft. Wer heute durch die Hallen in Stöcken geht, spürt den Pioniergeist von 1956, gepaart mit der Präzision von 2026. Das Werk feiert nicht nur die vergangenen 70 Jahre, sondern setzt den Standard für die nächsten Jahrzehnte. Die Vision einer klimafreundlichen, autonomen und hocheffizienten Mobilität ist hier längst keine Skizze mehr – sie rollt in Hannover bereits vom Band. Auf dieser einzigartigen Erfolgsgeschichte baut Volkswagen Nutzfahrzeuge auf, um den Bulli als Ikone der Mobilität in ein neues, fahrerloses Zeitalter zu führen – mit ersten Projekten auch in der Schweiz.

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