Dieselbusse umrüsten: Der schnellere Weg zur Elektromobilität

ELEKTRIFIZIERUNG Eine Empa-Studie zeigt: Wer Dieselbusse umrüstet statt ersetzt, elektrifiziert den europäischen Busverkehr rund 15 Jahre früher – bei gleichzeitiger Kosten- und Emissionsersparnis.

Dieselbusse umbauen statt ersetzen: Eine sinnvolle Alternative, zeigt eine Empa-Studie. Im Bild: ein (noch) dieselbetriebener Linienbus von Postauto.

Der Strassenverkehr bleibt eine der grössten Herausforderungen auf dem Weg zu Netto-Null. Während neue Elektrobusse Dieselbusse schrittweise ablösen, zeigt eine aktuelle Studie der Empa, dass ein radikales Umdenken gefragt ist: Statt Dieselbusse umrüsten zu lassen, setzen Betreiber bislang fast ausschliesslich auf Neuanschaffungen – und verlieren dabei wertvolle Zeit. Laut Studie waren 2023 gerade einmal knapp drei Prozent aller Busse auf europäischen Strassen elektrisch unterwegs. Bei unverändertem Vorgehen würde die vollständige Elektrifizierung erst nach 2055 erreicht – zu spät für die gesetzten Klimaziele.

Harald Desing aus der Abteilung Technologie und Gesellschaft an der Empa in St. Gallen hat das Potenzial des sogenannten «E-Retrofittings» im Rahmen des EU-Forschungsprojekts «CircEUlar» eingehend untersucht. Seine Publikation erschien kürzlich in der Fachzeitschrift «Environmental Research: Infrastructure and Sustainability». Das Ergebnis ist eindeutig: «Wenn wir bestehende Busse auf Elektrobetrieb umrüsten, anstatt sie durch neue zu ersetzen, erreichen wir die vollständige Elektrifizierung der Busflotte rund 15 Jahre früher – und sparen dabei erst noch Emissionen und Rohstoffe.»

Standardisierte Retrofit-Kits für Dieselbusse umrüsten im grossen Massstab

Der technische Aufwand für das E-Retrofitting ist geringer, als man vermuten würde. Motor und Getriebe werden ausgebaut und durch einen Elektromotor ersetzt. Dieseltank und Auspuffanlage weichen Batterien, und die Hilfsantriebe für Klimaanlage, Bremssystem sowie Lenkunterstützung lassen sich auf kleine Elektromotoren umstellen. «Mit standardisierten Retrofit-Kits würde ein einzelner Umbau nur wenige Tage dauern. Die Elektrifizierung der Flotte könnte damit ohne grosse Auswirkungen auf den laufenden Betrieb stattfinden», erklärt Desing.

Ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Neufahrzeugmarkt liegt in der geringeren Modellvielfalt: Bei Stadtbussen gibt es im Vergleich zu Personenwagen nur wenige Baureihen, aber jeweils in grossen Stückzahlen. Dies erleichtert die Standardisierung der Umbaukits erheblich. Die ausgebauten Teile – mehrheitlich Stahl und Aluminium – können zudem recycelt werden, was die Umweltbilanz zusätzlich verbessert.

Die Umrüstung selbst verursacht pro Bus rund 20 bis 50 Prozent weniger Umweltauswirkungen als die Produktion eines neuen Fahrzeugs. Damit entfällt auch das gängige Praxisproblem: Ausgediente Dieselbusse werden in vielen Fällen in andere Länder weiterverkauft, wo sie noch Jahrzehnte lang weiterfahren – inklusive aller Emissionen. «Das ist nicht die nachhaltigste Lösung. Der Klimawandel macht nicht vor Landesgrenzen halt», hält Desing fest.

Längere Fahrzeuglebensdauer und wirtschaftliche Vorteile

Ein weiteres Argument für das E-Retrofitting ist die verlängerte Nutzungsdauer der Fahrzeuge. Die durchschnittliche Lebensdauer eines Dieselbusses in Europa beträgt rund 20 Jahre. Derzeit werden Busse oft vorzeitig ausgemustert, weil sie aktuelle Emissionsstandards etwa bei Feinstaub oder Lärm nicht mehr erfüllen. «Wenn der Antrieb ausgetauscht wird, können Carrosserie und Inneneinrichtung oft deutlich länger in Betrieb bleiben», erklärt Desing. Flottenbetreiber müssen so weder die volle Nutzungsdauer abwarten noch künstlich abkürzen – die Umstellung ist jederzeit möglich.

Die eingesparten Kosten könnten reinvestiert werden: entweder in die Modernisierung der eigenen Flotte oder in den Ausbau des ÖV-Angebots. Da Busse im Gegensatz zum Schienenverkehr kaum neue Infrastruktur erfordern und bestehende Strassenkapazitäten bei rückläufigem Individualverkehr entlastet werden, ist das Wachstumspotenzial beträchtlich.

Ladeinfrastruktur: weniger Aufwand als erwartet

Die Frage der Ladeinfrastruktur war zwar nicht explizit Gegenstand der Empa-Studie, doch Desing zeigt sich zuversichtlich: «An Orten mit bestehenden Oberleitungen können die Busse beispielsweise während der Fahrt aufgeladen werden.» Dies eröffnet zusätzliche Sparpotenziale, da in solchen Fällen kleinere Batterien ausreichen – was wiederum die Umbaukosten senkt und das Fahrzeuggewicht reduziert.

Für eine breite Umsetzung müsste die Technologie nun standardisiert und skaliert werden. Desing sieht Potenzial weit über Europa hinaus – und denkt dabei auch an schwere Nutzfahrzeuge: Denkbar wäre ein analoges Retrofitting von Lastwagen, die in noch grösserer Zahl auf den Strassen unterwegs sind.

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