Smarte Traktion und Strom für die Baustelle
BAUFAHRZEUGE Mercedes-Benz Trucks lud ins hessische Coreum, um modernste Offroad-Technik auf Herz und Nieren zu prüfen. Vom hydrostatischen Hilfsantrieb HAD über die legendäre Turboretarderkupplung bis zum neuen, vollelektrischen eArocs 400 reicht die Bandbreite für härteste Einsätze.

Staub, Geröll, steile Rampen und eng abgesteckte Baustellenparcours: Das rund 120’000 m2 grosse Areal des Coreum in Stockstadt am Rhein bot die ideale Kulisse, um das aktuelle Bau-Portfolio von Mercedes-Benz Trucks im praktischen Fahrbetrieb zu erproben. Im Zentrum des Geschehens stand nicht nur pure Durchzugskraft, sondern die intelligente Kombination aus massgeschneiderten Antriebskonzepten, smarten Assistenzsystemen und der schrittweisen Elektrifizierung schwerer Baufahrzeuge.
Elektrisierende Premiere im schweren Bau
Besondere Aufmerksamkeit zogen die Vorserienfahrzeuge des neuen Mercedes-Benz eArocs 400 auf sich. Im direkten Praxistest standen zwei 8×4-Vierachser bereit – ein Dreiseitenkipper und ein Betonmischer. Schon beim Einsteigen und lautlosen Anrollen wird deutlich, wie feinfühlig sich der elektrische Schwertransport dirigieren lässt. Über das Kamerasystem MirrorCam lässt sich das Fahrzeug millimetergenau in enge Baustellenbuchten manövrieren.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei der mechanische Nebenabtrieb (mPTO). Während der elektrische ePTO (400 V AC, 1 × 22 kW) primär für Kühlaufbauten reserviert bleibt, bedient der mPTO energieintensive Anwendungen wie Kippauflieger, Silofahrzeuge oder Betonmischertrommeln. Das System integriert einen 200-Liter-Standardhydrauliktank, eine Hydraulikpumpe sowie einen separaten Elektromotor.

Die Platzierung der Komponenten erfolgt hochgradig modular: Je nach Radstand, Fahrgestell und speziellem Aufbau bestimmt der Fahrzeugbauer die finale Position der Ölpumpe. Auch auf Basis des eActros 400 mit zwei Batteriepaketen, 3700 mm Radstand und rund zwei Tonnen Nutzlastvorteil gegenüber dem Fernverkehrs-Flaggschiff eActros 600 zeigt sich die hohe Flexibilität für regionale Einsätze.

Kupplungsverschleiss ade: Driventic Turbo-Retarder-Kupplung
Auf den anspruchsvollen Steigungs- und Rangierpassagen demonstrierte der Arocs 3348 6×2 eindrucksvoll das Potenzial der hydrodynamischen Anfahrkupplung TRK. Die von Driventic (Ex-Voith) entwickelte Technologie vereint eine hydrodynamische Anfahrhilfe mit einem leistungsfähigen Primärretarder in einem Gehäuse und ist neu auch für 4×4-Varianten verfügbar.
Schwerlast-Experte Hanno Rexer erläuterte vor Ort die technischen Finessen: Bis zu einem Gesamtzuggewicht von 155 Tonnen kommt eine bewährte Trockenkupplung zum Einsatz. Überschreitet das Zuggewicht 180 Tonnen, rüstet Mercedes-Benz hinter dem Fahrerhaus einen massiven Kühlturm nach. Dieser beinhaltet drei Zusatzradiatoren zur Kühlung von Dieseltreibstoff und Hydrauliköl sowie einen aus dem Omnibusbereich stammenden Setra-Wasserkühler, der sowohl das Aggregat als auch die TRK auf stabilen Betriebstemperaturen hält.

In der Praxis überzeugt das System durch vollkommen verschleissfreies Anfahren am Steilhang. Die integrierte Rollsperre bannt jede Gefahr des Zurückrollens. Verblüffend ist das Rangieren entgegen der Getriebestufe: Wer vorwärts bergauf steht, kann bei eingelegtem Vorwärtsgang durch feines Lösen des Fahrpedals millimetergenau rückwärts rollen, ohne jemals die Betriebsbremse zu berühren.
Zusatzgrip auf Knopfdruck: Hydraulic Auxiliary Drive
Auf einer unbefestigten, steilen Hangpassage zeigte der Arocs 1853 LS 4×2 die Vorzüge des hydraulischen Zusatzantriebs HAD (Hydraulic Auxiliary Drive). Während die rein heckgetriebene Sattelzugmaschine im Standardmodus auf dem Gemisch aus festgedrückter Erde und losem Schotter sofort die Traktion verlor und sich eingrub, genügte ein Tastendruck im Cockpit: Die hydraulischen Radnabenmotoren an der Vorderachse bauten unverzüglich Zugkraft auf und zogen die Zugmaschine mühelos die Rampe empor.

Ein entscheidender Praxisvorteil von HAD gegenüber mechanischen Allradsystemen: Das System schaltet sich bei Erreichen definierter Geschwindigkeiten automatisch ab. Fehlbedienungen durch vergessenes Deaktivieren starrer Differenzialsperren, die auf befestigtem Grund zu schweren Antriebsschäden führen können, sind systemseitig ausgeschlossen. Der im markanten Kommunalorange lackierte Arocs 2240 AK 4×4 meisterte angetrocknete Schlammlöcher und tief zerfurchte Passagen dank zuschaltbarer Längs- und Quersperren souverän.

Massarbeit aus Molsheim: Custom Tailored Trucks (CTT)
Nicht jeder Baustelleneinsatz lässt sich mit Standard-Chassis abdecken. Hier greift Custom Tailored Trucks (CTT) im elsässischen Molsheim ein. Die Werksabteilung fungiert als verlängerte Werkbank und liefert Sonderumbauten im unkomplizierten Ein-Rechnungs-Geschäft mit voller Werksgarantie aus. CTT konzentriert sich auf vier Kernbereiche: Achsmodifikationen, Fahrgestellanpassungen, Kabinenumbauten sowie Antriebsstrangmodifikationen. Gerade für die spezifischen Gewichtslimiten und topografischen Eigenheiten des Schweizer Marktes entstehen so massgeschneiderte Lösungen.
